Future at the Table: Wie Deutschland wieder zum Wachstumsmarkt für Food-Tech werden kann
Am 8. Juni hatte ich die Gelegenheit, auf der Konferenz „Future at the Table“ von Table.Briefings in Berlin über die Zukunft von Food-Tech-Innovationen in Deutschland zu diskutieren. Gemeinsam mit Alexandra Laubrinus, Geschäftsführerin der Berlin Food Week, und Dr. Daniel Kendziur von SKW Schwarz sprach ich darüber, welche Technologien das Potenzial haben, die Lebensmittelwirtschaft nachhaltig zu verändern – und warum Deutschland aktuell Schwierigkeiten hat, dieses Potenzial in wirtschaftlichen Erfolg zu übersetzen.
Die Diskussion fand zu einem Zeitpunkt statt, an dem die Stimmung im Markt durchaus herausfordernd ist. Die Investitionen in Agrifood- und FoodTech-Startups sind in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Während Länder wie Großbritannien, Frankreich oder die Niederlande weiterhin gezielt Innovationen fördern und Kapital anziehen, kämpft Deutschland mit einer Finanzierungslücke, regulatorischen Hürden und fehlenden Wachstumsstrukturen.
Trotzdem bin ich überzeugt: Die Voraussetzungen für eine neue Wachstumsphase sind vorhanden.
Welche Food-Tech-Innovationen haben Zukunft?
Ein zentraler Teil der Diskussion beschäftigte sich mit der Frage, welche Technologien und Marktsegmente in den kommenden Jahren besonders relevant werden.
Im Bereich Alternative Proteine erleben wir derzeit eine wichtige Marktbereinigung. Nach einer Phase großer Erwartungen wird zunehmend deutlich, welche Technologien tatsächlich skalierbar sind und welche echten Mehrwert für Konsumenten schaffen.
Besonders viel Potenzial sehe ich weiterhin in drei Bereichen:
- Moderne pflanzenbasierte Produkte der nächsten Generation
- Fermentationstechnologien
- Zellkultivierte Lebensmittel
Gleichzeitig entstehen neue Innovationsfelder, die weit über den klassischen Nachhaltigkeitsgedanken hinausgehen. Themen wie Longevity, Healthy Ageing, Food Security und Resilience gewinnen zunehmend an Bedeutung. Verbraucher interessieren sich nicht mehr nur für klimafreundliche Produkte, sondern auch für Lösungen, die Gesundheit, Versorgungssicherheit und Lebensqualität verbessern.
Ein weiterer Trend ist die zunehmende Nutzung von Foodomics-Technologien, die Ernährung stärker personalisieren und wissenschaftlich fundierter gestalten können.

Bild: Stefan Zeitz
Der wichtigste Erfolgsfaktor: Konsumenten nicht überfordern
Ein besonders spannender Punkt der Diskussion war die Frage, welche Produkte sich tatsächlich am Markt durchsetzen werden.
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen deutlich, dass erfolgreiche Innovationen möglichst wenig Verhaltensänderung vom Verbraucher verlangen sollten.
Konsumenten möchten neue Produkte ausprobieren, aber sie möchten nicht ihr gesamtes Ernährungsverhalten umstellen. Erfolgreich werden daher vor allem Lösungen sein, die bekannte Produkte verbessern, ohne dass sich Geschmack, Nutzung oder Alltag grundlegend verändern.
Genau hier sehen wir aktuell die größten Fortschritte bei alternativen Proteinen, fermentationsbasierten Zutaten und funktionalen Lebensmitteln.
Warum die Finanzierung derzeit schwierig ist
Die Finanzierungslage war ein weiterer zentraler Diskussionspunkt.
Auf den ersten Blick scheint es, als hätten Investoren das Interesse am FoodTech-Sektor verloren. Ich glaube jedoch, dass die aktuelle Situation differenzierter betrachtet werden muss.
Aus meiner Sicht befinden wir uns derzeit in einer klassischen J-Curve-Phase des Marktes.
In den Jahren 2020 bis 2022 floss sehr viel Kapital von Generalisten-Fonds in den FoodTech-Sektor. Insbesondere im Bereich Deep Tech wurden Bewertungen teilweise sehr schnell nach oben getrieben. Viele dieser Investoren verfügten jedoch weder über die notwendige Branchenexpertise noch über die langfristige Bereitschaft, Unternehmen durch mehrere Finanzierungsrunden zu begleiten.
Als sich das Marktumfeld verschlechterte, blieben die notwendigen Folgefinanzierungen häufig aus.
Die Konsequenz sehen wir heute: Zahlreiche Unternehmen kämpfen mit überhöhten Bewertungen, komplexen Gesellschafterstrukturen und schwierigen Finanzierungsbedingungen.
Gleichzeitig entsteht jedoch eine neue Generation spezialisierter Investoren. Diese Fonds verstehen die langen Entwicklungszyklen im FoodTech-Bereich deutlich besser und unterstützen Unternehmen nachhaltiger beim Aufbau ihrer Geschäftsmodelle.
Wir beobachten bereits, dass Spezialisten zunehmend sogenannte „Cap Table Cleanings“ durchführen und Unternehmen auf eine langfristig tragfähige Wachstumsbasis stellen.
Genau deshalb bin ich optimistisch, dass sich die Investitionslandschaft in den kommenden Jahren wieder verbessern wird.
Was Gründer besser machen können
Ein weiteres Thema war die Frage, wie Gründer Investoren stärker überzeugen können.
Kapital allein ist selten das Problem. Entscheidend ist vielmehr, ob ein Unternehmen glaubwürdig zeigen kann, wie aus einer technologischen Innovation ein skalierbares Geschäft entsteht.
Investoren achten heute stärker denn je auf:
- Klare kommerzielle Anwendungsfälle
- Realistische Skalierungspläne
- Frühzeitige Kundenvalidierung
- Starke Teams mit wissenschaftlicher und operativer Kompetenz
- Verständliche Kapitalbedarfsplanung
Gerade im Deep-Tech-Umfeld reicht technologische Exzellenz allein nicht aus. Erfolgreiche Unternehmen müssen von Beginn an zeigen, wie sie industrielle Partnerschaften, Produktion und Markteintritt gestalten wollen.
Deutschland braucht mehr als Fördergelder
Besonders intensiv diskutierten wir die politischen Rahmenbedingungen.
Natürlich sind Förderprogramme wichtig. Noch wichtiger ist jedoch die Frage, wie junge Unternehmen bei der Kommerzialisierung ihrer Innovationen unterstützt werden können.
Gerade im Bereich Novel Food benötigen Startups deutlich mehr Unterstützung bei Zulassungsverfahren und regulatorischen Fragestellungen. Die Antragstellung ist komplex, teuer und für junge Unternehmen häufig kaum allein zu bewältigen.
Darüber hinaus brauchen wir neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Politik, Wissenschaft und Unternehmen.
Ein vielversprechender Ansatz sind sogenannte Sandboxes und Reallabore. Dort können innovative Lebensmittel und Technologien unter realen Bedingungen getestet werden, bevor sie breit in den Markt eingeführt werden.
Solche Testumgebungen helfen nicht nur Unternehmen. Sie schaffen auch wichtige Lernräume für Politik und Behörden. Neue Technologien lassen sich deutlich besser regulieren, wenn praktische Erfahrungen aus realen Anwendungen vorliegen.
Was Deutschland von anderen Ländern lernen kann
Ein Blick ins Ausland zeigt, dass erfolgreiche Innovationsstandorte meist drei Dinge gemeinsam haben:
Erstens verfügen sie über langfristige politische Strategien für Zukunftstechnologien.
Zweitens existieren dort spezialisierte Finanzierungsinstrumente, die Unternehmen über die Frühphase hinaus begleiten.
Drittens arbeiten Politik, Wissenschaft und Industrie deutlich enger zusammen.
Gerade Länder wie Großbritannien, die Niederlande oder Finnland haben früh erkannt, dass Food-Tech nicht nur ein Ernährungsthema ist, sondern auch Industrie-, Innovations- und Standortpolitik.
Deutschland besitzt hervorragende Forschungseinrichtungen, starke Industriepartner und eine wachsende Startup-Szene. Was bisher fehlt, ist die konsequente Verzahnung dieser Stärken.
Mein Fazit
Die Diskussion bei Future at the Table hat gezeigt, dass Deutschland keineswegs an Innovationskraft mangelt.
Die Technologien sind vorhanden. Die wissenschaftliche Exzellenz ist vorhanden. Die Unternehmerinnen und Unternehmer sind vorhanden.
Die entscheidende Frage lautet nun, ob wir die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, damit diese Innovationen auch hierzulande wachsen können.
Wenn es gelingt, regulatorische Prozesse zu modernisieren, Reallabore zu etablieren, die Kapitalversorgung in späteren Finanzierungsphasen zu stärken und die Zusammenarbeit zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft auszubauen, kann Deutschland wieder zu einem führenden Standort für Food-Tech-Innovationen werden.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob wir diese Chance nutzen.

Bild: Stefan Zeitz